Februar 2022 | 1. – 14. Februar

Olympia in Peking: Digitale Überwachung, Vergewaltigung der Natur. Das IOC macht den Reibach. Was bleibt den Athleten? Außerdem: Mephisto Söders Querschüsse. Verunsicherung bei Pflegerinnen, in Klinken und Pflegeheimen. Und: Malkurs in Nürnberg.

Inhaltsverzeichnis

Hasskommentare strafbar

Zuerst die gute Nachricht. Wer im Netz gezielt Politiker mit Hasskommentaren und vulgären Beschimpfungen beleidigt, macht sich strafbar. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) betrifft zwar nur den Fall der Grünen Renate Künast, macht aber auch anderen Menschen Mut, die in ähnlicher tagtäglich im Netz beleidigt werden. Bisher musste man mühsam sein Grundrecht auf Nicht-Beleidigung einklagen.

Das BVG hat mit seinem Urteil insgesamt den Schutz des Persönlichkeitsrechts gestärkt. Für den Fall Künast bedeutet das, dass Facebook die Daten von Nutzern herausgeben muss, die die Politikerin beleidigt haben. Damit kann die Grüne gerichtlich gegen die BeleidigerInnen vorgehen. Das Urteil dient also zum Vorbild für alle jene, denen ebennalls Beschimpfungen im Netz widerfahren. Es zeigt: Man braucht sich Hass und Hetze nicht gefallen lassen. Es zeigt auch: das Netz und Facebook sind nicht übermächtig.

Corona is coming home

Olympia in Peking. Mitten in der weltweiten Omikron Welle. Dazu könnte man gehässig sagen: Corona is coming home. Unabhängig von Corona: China hätte die Olympischen Winterspiele nie bekommen dürfen. Aus mindestens zwei Gründen: Erstens aus politischen und zweitens aus ökologischen. Erstens: Die Ausrichtung des größten Sportevents der Welt in einem autoritären Staat widerspricht den eigenen Statuten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Der Sport soll der harmonischen Entwicklung der Menschheit dienen, heißt es in der Charta des IOCs. Und er soll im Hinblick auf die Förderung einer friedlichen Gesellschaft besorgt sein um die Bewahrung der Menschenwürde. Welch ein Hohn: Eine Parteidiktatur wie China steckt Millionen Menschen in Umerziehungslager und gibt sich gleichzeitig den Anschein, ein friedliches Fest der Jugend auszurichten!

IOC macht Reibach

Dem Internationalen Komitee mit dem zahnlosen und Xi-Freund Thomas Bach an der Spitze ist das alles egal. Der Ex-Fechter mit dem Charme einer Schlaftablette fühlt sich wie ein Halbgott, seit ihn China mit einer Thomas-Bach-Büste verewigt hat. Die „verschönert“ jetzt den Dongsi Olympia-Park in Peking. Hauptsache für Bach: Die Kasse stimmt. Und wie! Die superteuren TV-Übertragungen und Vermarktungsverträge bringen dem IOC geschätzte 1, 5 Milliarden Dollar.

Hinzu kommen weitere Milliarden aus Sponsorengeldern. Allein in den vergangenen drei jahren hat das IOC rund zwei Milliarden Dollar von Sponsoren eingenommen, schätzt das amerikanische Internetportal für Wirtschaftsnachrichten „Quartz.“ Immerhin sollen 90 Prozent der Einnahmen zurück an den Sport fließen, an Athleten und Sportorganisationen. Und die restlichen Zehn Prozent? Unklar. Transparenz ist beim IOC genauso unüblich wie bei der FIFA. Unfassbar!

Vergewaltigung der Natur

Wintersport in Peking ist allein aus klimageographischen Gründen ein Unding. Peking liegt 70 Kilometer von der Wüste Taklamakan entfernt und 170 Kilometer von der Küste. Der größte Quatsch, dort Winterspiele stattfinden zu lassen. Feuchtigkeit und Regen gibt es nur im Sommer. Im Winter beeinflusst das trockene sibirische Hoch Peking. Folge: klirrende Kälte. Schnee oder Eis – Pustekuchen. Im Februar fällt dort gerade mal 4 mm Niederschlag. Genauso verschwindend wenig wie in Kairo. Quasi nix.

Mit dem gleichen Recht könnte man in der ägyptischen Wüstenstadt die Winterspiele abhalten. Winterspiele in Peking: Das ist Vergewaltigung der Natur. Skipisten mitten im Naturreservat. Aufgebaut mit Millionen Tonnen aus Kunstschnee. Wasser wird von den 60 Kilometer weit entfernten Bergen herangepumpt. Ein ökologischer Irrsinn. Allein die Errichtung der Bobbahn kostet knapp drei Milliarden. Soviel wie die gesamte Winter-Olympiade in München hätte kosten sollen. Aber die Münchner waren so schlau, das Olympiaprojekt dank eines Bürgentscheids zu kippen. Welch ein Glück!

Big Brother

Was in Peking alles noch schlimmer macht, ist die totale Kontrolle und Überwachung. Egal ob Athlet, Trainer, Funktionär oder Journalist: Big Brother Staat will alles von jedem wissen. Nicht nur die Gesundheitsdaten, die in der vorgeschriebenen App My 2022 von jedem Teilnehmer eingetragen werden müssen. Offiziell dient sie den chinesischen Behörden dazu, den Gesundheitsstatus im Blick zu behalten.

Die App hat eine Chatfunktion, bei der es allerdings laut IT-Experten technisch möglich ist, Datentransfers und Kommunikation zu entschlüsseln. So könnte, bzw. kann jeder Athlet, Trainer oder Funktionär überwacht werden. Big Brother is watching you! Dann die abgeschirmte Blase, in der die Wettkampfstätten, Medienzentren sowie die Hotels liegen. Rund um die Bubble: meterhohe, unüberwindbare  Zäune.

Alle Beteiligten – von den Athleten bis zu den Journalisten – sind vollständig vom Rest der chinesischen Bevölkerung getrennt. Es ist verboten, sich außerhalb der Blase frei zu bewegen. Keine privaten Spaziergänge, geschweige denn journalistische Treffen. Da macht es bestimmt keine Freude, Journalist zu sein.

Gesichtslose Astronauten

Mich interessieren die Bilder von den Wettkämpfen nicht. Dafür aber die Hintergrund-Bilder und -Filme. Bilder aus einer Geisterstadt unter totaler Kontrolle: menschenleere Straßen voller Absperrgitter. Sicherheitsschleusen in Hotels und Wettkampfstätten. Überall Corona-Bekämpfer in Astronauten-Anzügen mit Visier und Handschuhen. Gesichtslos, emotionslos, meistens bewaffnet mit einem Wattestäbchen für den Coronatest. Matrix lässt grüßen.

Ganz furchtbar, die total entmenschlichte Situation beim Essen und Trinken. Roboterarme servieren von oben die Speisen und räumen sie ab. Schlimm, die Unterkünfte für die SportlerInnen: schäbige winzige Zimmer, die mehr an ein Gefängnis als an ein Hotel erinnern.

Vermeintliche Infektionen

Wenigstens die SportlerInnen zeigen Regungen und Emotionen. Tränen des Glücks über Medaillen, Tränen über verpasste Chancen. Aber auch Tränen von Wut und Frustration. Darüber, dass hart erarbeitete Medaillenträume möglicherweise wegen eines positiven Testergebnisses geplatzt sind. Dahinter steckt manchmal der Verdacht, dass chinesische Behörden vor allem Konkurrenten der eigenen Titelanwärter aus dem Wettbewerb nehmen. Wegen vermeintlicher Corona-Infektion. Ein vielleicht nicht gerade abwegiger Gedanke.

Klar ist jedoch auch: Olympische Spiele sind für Sportler und Sportlerinnen das Größte. Dabei sein ist alles. Da hat das Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren, nur noch eine verschwindend kleine Bedeutung. Schließlich müssen die AthletInnen sich täglich einem Corona Test unterziehen. Außerdem können sie nichts für die abstoßenden Begleitumstände.

Gigantonomie

Wenn jemand Schuld hat an der unglücklichen Vergabe der Winterspiele an China, dann ist das IOC mit seinen Profitstreben und seiner Gigantonomie. Andererseits wäre es schwer geworden, die Bewerbung Pekings zu ignorieren. Kein anderer Staat hätte die exorbitanten und millionenschweren Anforderungen des IOCs stemmen können. Außerdem: China ist ökonomisch als Wirtschaftsmacht einfach zu wichtig.

Kein Wunder, dass der Westen sich nicht zu einem Boykott traut wie 1980. Damals boykottierten fast alle westlichen Staaten die olympischen Sommerspiele in Moskau. Anlass war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Jetzt ergibt sich für das autoritär geführte China die einmalige Chance, sich unter dem Deckmantel von Olympia als Motor der weltweiten Völkerständigung zu profilieren. Welch ein Irrsinn!

Söder schießt quer

Schon wieder Hickhack um die Impfpflicht. Diesmal um die Impfpflicht im Gesundheitswesen. In Eile gestrickt, aber von Bundestag und Bundesrat definitiv beschlossen. Damit rechtlich bindend. Am 15. März soll das Gesetz in Kraft treten. Jedoch wieder mal schießt einer quer und wirft einen Knüppel zwischen die Beine der Regierungskoalition. Markus Söder, der bayerische Mephisto, will die Impfpflicht im Gesundheitswesen aussetzen.

Provokant wie man ihn kennt dreht und wendet er sich wie der Wind. Gestern Team Vorsicht. Heute Anführer der Lockerer. Und schnell springt Friedrich Merz, der Walking Dead der CDU, mit auf den Zug. Die Absicht, die dahintersteht, ist klar: Zeigen, dass die Opposition lebt. Aber die Kraftmeierei hat einen Haken. Sie lässt an der Zuverlässigkeit und der Kompetenz von CDU und CSU zweifeln, schließlich haben beide dem Gesetz zugestimmt.

Wer kontrolliert?

Risiken und mögliche Auswirkungen der Teil-Impfpflicht sind seit Langem bekannt. Vor allem zwei Dinge werden befürchtet: Eine große Kündigungswelle unter den PflegerInnen sowie die Frage der Kontrolle. Die Gesundheitsämter sollen die Einhaltung der Impfpflicht überwachen. Kliniken und Pflegeheime liefern die Impfnachweise an die Ämter. Die müssen kontrollieren, ob für alle Beschäftigten Nachweise vorliegen.

Klinken und Pflegeheime selbst dürfen bei ihren Mitarbeitern nur die Impfzertifikate abfragen. Aber nicht den Zugang verwehren. Das bedeutet, solange das Gesundheitsamt kein Arbeitsverbot verhängt, könnten Beschäftigte auch nach Inkrafttreten der Impfpflicht weiterarbeiten. Klar, dass da eine Heidenarbeit auf die ohnehin überlasteten Gesundheitsämter zukommt.

Jobverlust oder nicht?

Das ist bekannt. Aber das heißt nicht, dass die Impfpflichtkontrolle nicht gewährleitstet ist. Viele Gesundheitseinrichtungen haben Betriebsärzte, die ebenfalls den Impfstatus der Beschäftigten feststellen können. Auch die kommunalen Ordnungsämter könnte eingebunden werden, um die Umsetzung der Impfpflicht zu kontrollieren.

Alles eine Frage der Organisation. Für die war und ist noch ausreichend Zeit bis zum 15 März. Trotzdem ist Eile geboten, denn zwei wichtige Fragen sind noch offen: Bekommen die ausgesperrten Nichtgeimpften noch Lohn oder verlieren sie ihre Stelle komplett? Da muss der Gesetzgeber noch mal ran. Dringend.

Keine Kündigungswelle

Vielleicht hilft ein Blick nach Frankreich und Italien. Die haben vorgemacht, wie die einrichtungsbezogene Impfpflicht funktionieren kann. Sie existiert in beiden Ländern seit mehr als ein halbes Jahr. Jetzt sind dort weit über 90 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen vollständig geimpft.

Und kaum zu glauben aber wahr: Die befürchtete Kündigungswelle in den Gesundheitseinrichtungen ist ausgeblieben. Hierzulande machen Gewerkschaften und Pflegeverbände kräftig Stimmung gegen die Impfpflicht. Dabei ist die drohende Impfpflicht oft lediglich ein vorgeschobenes Argument dafür, dass viele Pflegekräfte ihren Job aufgeben.

Schon vor Corona waren die Arbeitsbedingungen in Pflegeheimen und Kliniken belastender als in anderen Berufen. Personalnotstand gibt es schon seit Jahren und der magere Corona-Bonus hat wenig daran geändert. Was wirklich gegen die Fluktuation im Gesundheitswesen hilft: Weniger Arbeitsbelastung und bessere Bezahlung.

Notfall-Einsatz

Mal wieder Malkurs. Diesmal in Leinburg bei Nürnberg. Bevor die Reise losgeht, ist sie fast schon vorbei. Gerade in Freiburg in den Zug gestiegen, ertönt der Lautsprecher: Notfalleinsatz am Gleis auf der Strecke nach Karlsruhe. Mindestens zwei Stunden Wartezeit. Verdammt. Was tun, Warten? Ich überlege, Reise und Kurs canceln? Dann die Idee: Mit dem Flixbus nach Karlsruhe, dann weiter mit dem Zug. Ich habe Glück, ergattere den letzten Platz im Flixbus, der Anschluss in Karlsruhe klappt auch. Auch im bayerischen Leinburg habe ich Glück, komme knapp vor der Sperrstunde, 22 Uhr, an. Bekomme tatächlich noch ein Bier.

Was ist eine Vignette?

Den Aquarell-Kurs in Leinburg leitet die Künstlerin Kristina Jurick. Das fränkische, das sie spricht, ist für meine Ohren gewöhnungsbedürftig. Erinnert doch stark an den Mephisto Söder, der ebenfalls aus Franken stammt.

Kursthema ist Vignette. Vignette bedeutet Verzierung. Aufs Aquarell übertragen heißt das, möglichst viel vom Weiß des Papiers freilassen. Mindestens an den vier Ecken und dazu noch an ein bis zwei Stellen das Weiß ins Bild einfließen lassen. Gar nicht so einfach, viele KursteilnehmerInnen tun sich schwer damit. Was vielleicht auch daran liegt, dass es der anspruchsvollen Kristina nicht immer gelingt, deutlich zu machen, was sie will.

Sie betont zwar, dass sie nur Anregungen geben will. Dennoch malt sie mehrmals ein ganzes Bild vor. Detailliert und lange. Zu lange für meinen Geschmack. Besser wäre es, selber die Zeit zum Malen zu nutzen. Leider neigt Kristian auch dazu, in netten Worten die Unzulänglichkeit aller zu monieren, geht jedoch mit Lob äußerst sparsam um.

Lokführer fehlt

Um es der Meisterin Recht zu machen, versuchen viele KursteilnehmerInnen, die Bilder möglichst ähnlich nachzumalen, wie Kristina es vorgemalt hat. Ich weiche ab und male in meinem Stil vier Bilder, die im großen und ganzen die Gnade Kristinas finden.

Auf der Rückfahrt erneut Pech: In Stuttgart steht der Zug minutenlang. Lautsprecherdurchsage: „Wir warten noch auf den Lokführer“. Kein Witz. Bitterer Ernst. Warum der Mann (oder die Frau) nicht rechtzeitig da war bzw. kein Stellverteter einspringen konnte, ist nicht bekannt. Das gehört wohl zur   bekannten Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn. Klar, dass der Anschluss in Karlsruhe nicht zu erreichen ist. Ich komme mit einer Stunde Verspätung in Freiburg an.

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