Juli 2021 | 16. – 31. Juli

Sprachreise nach Frankreich. Nach Annecy, Klein-Venedig (fast) ohne Masken. Abenteuer: atemberaubender Montblanc, zwei tosende Wasserfälle. Macrons angeordnete Impfpflicht: Wie reagieren die Franzosen? Hochwasserkatastrophe in Deutschland. Wie reagiert Laschet?

Inhaltsverzeichnis

Umsteigen in Olten

Das erste Mal ins Ausland seit 14 Monaten. Per Bahn nach Annecy in Frankreich. 14 Tage Sprachkurs. Halbpension bei einer Gastfamilie. Ein bisschen mulmig ist mir bereits bei der Anreise.

An der Schweizer Grenze in Basel keine Ansage wegen Covidbestimmungen, keine Kontrolle. Der Zug ist fast leer. Umsteigen In Olten. Dieser Zug wird voller. Erwische die letzte freie Sitzreihe. Bis Genf steigen Reisende aus und ein. Dort geht es per Flixbus weiter.

Den Gare Routiere finde ich schnell dank der exakten Beschreibung der netten Info-Dame am Bahnhof. Der Genfer Gare Routiere  ist ein trostloser Asphaltplatz, fünf Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt. Kein Flixbus- Schild, auch sonst fehlen Anzeigetafeln anderer Busunternehmen. Das Busbüro ist heute, Sonntag, geschlossen. 

Röhrender Maserati

Ein winziger Zettel an der Scheibe verrät mir trotzdem die Bus-Abfahrtszeiten. Der Bus fährt erst in eineinhalb Stunden. Es regnet. Kein Unterstand weit und breit.

Durch die Häuserschluchten blinkt der Genfer See. Ich ziehe die Regenjacke an und trotte mit Koffer Richtung See. Verkehr wie in der Rushhour an der Uferstraße. Gnadenlos und protzig.

Unter anderen röhren an mir mehrere Porsche, ein Lamborghini und ein Maserati  vorbei. Unter den großen Schirmen eines Ufercafes finde ich ein trockenes Plätzchen. Ruhig und ein freier Blick auf den See. Herrlich. Dann zurück zum Gare Routiere. 

 

Ikea-Gästezimmer

Der Flixbus nach Annecy in Frankreich kommt mit leichter Verspätung. Der Fahrer fragt weder nach Ausweis noch Impfpass. Fühlt sich merkwürdig an. Darf man also reisen wie früher?

Natürlich nicht. Maskenpflicht im Bus. Wieder keine Grenzkontrolle. 30 Minuten bis Annecy. Dort wartet meine Gastgeberin am Busbahnhof. Dank der zuvor per Mail verabredeten Erkennungszeichen erkennen wir uns gegenseitig schnell. Masken trägt hier niemand.

Das Zimmer, in dem ich untergebracht bin, ist das frühere Zimmer des Sohnes der Gastgeberin, der inzwischen erwachsen und ausgezogen ist. Riesenbett, Ikea-Kommode, Mini-Schreibtisch. Klein, aber fein. 

Ratatouille

Das Abendessen typisch französisch. Aperitif, Pastete als Vorspeise. Ratatouille als Hauptspeise. Eigentlich ein vegetarisches Gericht. Meine Gastgeberin meint es gut mit mir. Sie legt noch ein Kotelett dazu.

Das unvermeidliche Baguette ist ebenso dabei. Ich bin pappsatt. Zum Schluss tischt sie noch Käse auf. Tomme de Savoi. Köstlich. Da kann ich nicht widerstehen.

Verdauungsspaziergang zum See. Ca. 15 Minuten bis zum Badestrand. Menschenleer. Kein Wunder: 20 Uhr, ein wenig frisch. Eine Mountainbikerin im neongelben Dress kühlt im See ihre Füße. Der See hat angenehme 21 Grad. Am nächsten Morgen per Bus zur Sprachschule. Kaum Fahrgäste im Bus. Maskenpflicht obligatorisch. 

Maskenpflicht im Unterricht

Das gilt auch für den Unterricht in der Sprachschule. Kommunikation und Sprachverständnis sind die Ziele meines Kurses. Die Sprachlehrerinnen sind jung, angenehm und gut vorbereitet.

Sie bringen effiziente Arbeitsblätter zu aktuellen Themen mit, über die es sich trefflich diskutieren lässt. Etwa über das bedingungslose Grundeinkommen oder die Touristenreisen nach Tschernobyl. Ich bin sicher, ich profitiere vom Kurs.

Ansonsten nimmt es in Annecy kaum jemand mit dem Maskentragen so genau. Fast niemand trägt eine Maske, wenn er ins Restaurant geht. Nur die Bedienung ist maskenbedeckt. Restaurants und Cafés sind mittags und abends voll. 

Wiedergewonnene Freiheit

Die Menschen genießen die wiedergewonnene Freiheit. In Frankreich sind Außengastronomie sowie Ladengeschäfte bereits seit Ende Mai geöffnet. Zuvor herrschte monatelang eine strenge Ausgangssperre.

Ab 17 Uhr war Schicht im Schacht bis 6 Uhr morgens. Bewegungsverbote. Mobilität war tagsüber nur im Umkreis von 10 Kilometern von der Wohnung möglich. Die Ausgangssperre, das  sogenannte Confinement, wurde stufenweise gelockert. Erst 19 Uhr, dann 21 Uhr, schließlich 23 Uhr.

Der Staat setzte die Regelung erbarmungslos durch. Das mussten die rund 3000 French-Open Zuschauer erfahren. Beim nächtlichen Viertelfinal-Match des Serben Djokovic wurden sie höflich aber bestimmt kurz vor 23 Uhr aus dem Stadion gewiesen. Pfiffe, Proteste nutzen nichts. Das Spiel lief ohne Zuschauer weiter. 

Macrons Bonbon

Seit dem 21. Juni ist es mit dem Ausgangsspuk vorbei. 10 Tage früher als geplant. Ein kleines Bonbon Macrons für die Franzosen, die im Vergleich zu Deutschland viel stärker unter einem harten Lockdown litten.

Grund für die vorgezogene Lockerung ist die Impfkampagne. Frankreich hat uns überholt. Fast 50 Prozent aller Franzosen sind doppelt geimpft. Auch die Inzidenzzahlen lassen sich sehen. Noch. Landesweit liegen sie seit Tagen bei 26.

Und das, obwohl die Schulen seit einem dreiwöchigen Lockdown im April offen sind, beziehungsweise waren. Seit dem 5. Juli sind Schulferien. Acht Wochen lang. Dass die Ferien begonnen haben, spüre ich. 

Klein Venedig

Die pittoreske Altstadt von Annecy ist voller französischer Urlauber. Familien mit ein, zwei Kindern, die sich durch die engen Gassen an den Kanälen drängen. Wegen der Kanäle hat die Altstadt etwas von Venedig, es wird auch scherzhaft Venedig der Alpen genannt.

Naja, Klein Venedig ist treffender. Keine imposanten Renaissance-Paläste oder Kirchen wie an der Lagune. Aber dafür schnucklige, schmale Häuser in Pastellfarben sowie bemerkenswerte Arkaden. Die Kinder sitzen mittags artig und  diszipliniert beim Essen, streng kontrolliert von Maman. 

Gratis-Busse

Annecy ist anders als viele der grauen französischer Städte gleicher Größe. Viel Grün in den Wohnvierteln. Ab und zu eine Sitzbank zum Ausruhen. Radwege mitten in der City, wo bis auf wenige Ausnahmen Tempo-30 herrscht.

Auf vielen Straßen bremsen Schwellen auf der Fahrbahn die Tempolust der Franzosen. Busse haben eine eigene Spur, die sie sich mit den Radfahrern teilen. Überhaupt die Busse: Fünf Buslinien nehmen Passagiere gratis mit.

Alle halbe Stunde fahren die Busse vom Busbahnhof aus rund um den See. Eine Linie am linken Ufer des Sees, eine zweite am rechten Ufer. Drei andere Linien fahren von den am See gelegenen Orten in die Berge, auch gratis.

Angenehm überrascht bin ich vom Umgangston in den Bussen. Wer einsteigt, grüßt den Fahrer mit Bonjour, der grüßt zurück. Und wer aussteigt, sagt Au revoir. Klar, dass ich den Gratis-Service ausgiebig nutze.

Montblanc: einfach geil

Am eindrucksvollsten die Tour auf die Semnoz-Hochebene. In zahllosen engen Serpentinen quält sich der Bus auf das 1600 Meter hohe Plateau. Manchmal überholt der Bus ehrgeizige und bergverrückte Radfahrer.

Oben angekommen staune ich mit offenem Mund. Ich fühlte mich in einer anderen Welt. Pure Natur, Stille. Und dieses Bergpanorama. Fantastisch. Einfach geil.

Dazu kommt ein Gefühl des Glücks. Das Gefühl, so etwas Wunderbares zu sehen wie die schneebedeckte Gipfel der Montblanc-Kette. Gleichzeitig das Gefühl, so klein und mickrig zu sein angesichts dieser gewaltigen und erhabenen Demonstration der Bergriesen. Entzückt wandere ich auf dem sieben Kilometer langen Rundweg, werfe immer wieder staunende Blicke auf das irre Bergpanorama.

Glitschiger Boden

Weiteren großen Respekt vor den Naturkräften erfahre ich bei meiner nächsten Wanderung. Bei der Tour zu den Wasserfällen von Angon. Ein steiniger Pfad führt hinauf auf ca. 800 Meter, zunächst durch dichten Wald.

Man hört ein diffuses Grummeln, das mit jedem Schritt lauter wird. Dann ein Warn-Schild. Es empfiehlt eindringlich, den Weg nur mit festen Schuhen fortzusetzen. Zu Recht dieser Hinweis. Der Pfad wird eng, der Boden glitschig. Zur rechten Seite ein Gitter, das Stürze in die tiefe Schlucht verhindert. Zur linken ragt der Fels knapp über meinen Kopf.

Je näher man den Wasserfällen kommt, desto glitschiger wird der Boden. Dann um eine Felsecke ist er plötzlich da: der erste Wasserfall. Über nackten Fels strömt ein zwei Meter breites Wasserband mit Karacho nach unten. Wow, ich zücke das Handy, lehne mich ans Gitter, um nicht auszurutschen. 

Tosende Wassermassen

Es gibt noch eine Steigerung. Weiter zum zweiten Wasserfall. Gebückt unter wassertropfendem Fels geht es weiter. Plötzlich ein Stau. Vier Wanderer warten vor der letzten Kletterpartie, damit weitere vier sich heil und gesund vom letzten Abschnitt abseilen.

Ein Drahtseil an der Felswand dient als Abstiegs- bzw. Kletterhilfe. Mit letzter Kraft wuchte ich mich ächzend hinauf. Dann ist es geschafft. Was für ein Natur-Wunder, was für eine Kraft! Der zweite Wasserfall ist noch imposanter als der erste.

Mit ohnmächtigem Getöse stürzen die Wassermassen in die Tiefe. Ich kann nur schätzen wie tief. Etwa 40 bis 50 Meter.  Ein irres Abenteuer. Mit zittrigen Knien geht es vorsichtig den abenteuerlichen Weg wieder zurück. 

Impfpflicht

Montagabend: TV-Ansprache Macrons an die Nation. Ein imposanter, wortgewaltiger Auftritt. Dankenswerterweise redet er langsam, nuschelt nicht. Ich kann das, was er sagt, gut verstehen. Er will einen vierten Lockdown unbedingt verhindern.

Andererseits warnt er vor der Delta Variante und bittet die Franzosen eindringlich sich impfen zu lassen. Auch in Frankreich macht sich leider Impfmüdigkeit breit. Einzige Waffe gegen die Delta-Variante und Schutz für alle Franzosen ist und bleibt das Impfen, sagt Macron.

Der Staatspräsident kündigt mit ernster Miene eine Impfpflicht für  die Beschäftigten in Kliniken, Altenheim an. Das findet meine Gastgeberin überhaupt nicht gut. Sie ist entsetzt darüber, dass diejenigen, die bis zum 15. September nicht geimpft sind, ihren Job verlieren sollen.

Impfzwang geht gar nicht, sagt sie. Wir Franzosen wollen selber entscheiden, ob wir uns impfen lassen oder nicht. Das ist die Freiheit des Einzeln. Das ist Liberalité. 

Protest-Demos

So wie meine Gastgeberin denken offenbar viele Franzosen. Zwei Tage nach Macrons Ansprache, ausgerechnet am Nationalfeiertag, wird in Frankreichs größeren Städten demonstriert. Auch in Annecy. Hier sind es 800 Demonstanten.

Wie bei uns in Deutschland sind es vorwiegend Impfgegner, die auf die Straße gehen. Ob sich auch wie bei uns Rechtsradikale unter die Demonstranten mischen, weiß ich nicht. Meine Gastgeberin vermutet, dass in jedem Fall Mitglieder und Unterstützer des rechten Front National dabei sind.

In der Zeitung lese ich, dass neben Impfgegnern und Sympathisanten der Gilet-Jaune-Bewegung vor allem Klinikbeschäftigte, Gastronomen und Kulturveranstalter ihre Wut über die angekündigten Regelungen zum Ausdruck bringen. Sie protestieren dagegen, dass ab August nur noch Genesende und Geimpfte mit Impfpass ins Kino, Theater und in Cafes oder Restaurants dürfen.

Die Gastronomen weigern sich, die Impfpässe zu kontrollieren. Offenbar weiß auch niemand genau, wie die QR-Codes der Impfpässe in Restaurants und Kultureinrichtungen gescannt und kontrolliert werden sollen. 

Angst vor Delta

Fakt ist aber auch, dass die Delta-Variante des Covid-Virus mittlerweile auch in Frankreich überwiegt. Die Angst vor einer vierten Welle ist groß. Deshalb zeigt offenbar die emphatische Ansprache Macrons Wirkung.

In den letzten Tagen wollten drei Millionen Franzosen über die zentrale Webadresse einen Impftermin buchen. Leider war das System angesichts des Ansturms überfordert und ist zusammengebrochen. Aber immerhin, der Wille zählt. Und die Einsicht, dass Impfen schützt. 

Es waren eindrucksvolle und lehrreiche zwei Wochen in Annecy. Nur ein wenig getrübt von zwei Tage Regen.

 

Da gibt es nichts zu lachen

Aber das bisschen Regen ist kein Vergleich zu den schockierenden Bildern der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Selbstverständlich geht es darum, den notleidenden Menschen so schnell wie möglich zu helfen.

Aber es reicht nicht, sich in Gummistiefen zu zeigen wie CDU-Laschet. Es ist ein Armutszeugnis für einen Mann, der Kanzler werden will, wenn er auf Fragen nach Konzepten, mit denen er solchen Katastrophen vorbeugen will, nichts zu antworten weiß.

Und dann dieses Bild: Während der Bundespräsident inmitten der Verwüstungen den Flutopfern sein Mitgefühl ausdrückt, kichert Laschet, die Zunge leicht herausgestreckt, im Hintergrund. Angesichts solch einer verheerenden Katastrophe gibt es nichts zu lachen. Das ist bitter ernst und erfordert Antworten und Strategien. Und einen Mann oder eine Frau, die zupacken und Konzepte vorlegen, die sie wirklich in die Tat umsetzen. Und ganz bestimmt keinen Hobbit und Büttenredner.